Sonntag, 15.09.2019 08:10 Uhr

Die Stigmatisierten von Istanbul

Verantwortlicher Autor: Helge Lindau Istanbul, 11.08.2019, 13:37 Uhr
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Jagmur aus Istanbul
Jagmur aus Istanbul  Bild: Helge Lindau

Istanbul [ENA] Auf dem Gebiet zwischen dem Galataturm und dem Taksimplatz herrschen andere Sitten als im Rest von Istanbul. Doch selbst hier, wo es hunderte von Galerien und etliche Kneipen mit mit Alkoholausschank gibt, ist es nicht ungefährlich für die Leute der LGBT Bewegung.

Die Zahl der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender wächst in Istanbul. Sie liegt bei etwa 15.000 Menschen, die sich im Stadtteil Kabatas dazu bekennen. Doch von einem Großteil der Bevölkerung, der Regierung und der Polizei, werden diese Menschen ausgegrenzt, verfolgt und diskriminiert. Meist sind es die konservativ religiösen Menschen, die ihr Weltbild von der blossen Existenz der LGBT’s, in den Grundfesten gefährdet sehen. Doch die Ausgegrenzten entwickeln ein neues Selbstbewusstsein. Sie organisieren sich in Gruppen sei es auf der Straße oder in den Universitäten. Die meisten dieser Menschen haben einen Weg des Kampfes hinter sich. Dem Kampf um die Anerkennung ihres Ichs.

Eine von diesen Menschen ist Jagmur (Bild oben). Jagmur wurde vor über vierzig Jahren als Frau in den Körper eines Mannes geboren. Wann sie dies das erste Mal spürte, weiß sie nicht. „Ich habe mich selbst schon als kleines Kind immer als Mädchen gefühlt und verstand nicht, wieso mein Körper nicht dazu passte.“, erklärt Jagmur nachdenklich. Der erste Teil ihres Lebens bestand darin ihren Körper dem Geschlecht anzupassen mit dem sie sich wirklich identifizierte. Der zweite Teil ihres Lebens bestand dann darin gegen die Vorurteile zu kämpfen, die ihre Veränderung hervorrief. Erst nach Ihrem Studium wagte sie es an eine Geschlechtsumwandlung zu denken.

Den letzen ‚Christopher Street Day’ in Istanbul gab es 2014. Um die 100.000 Menschen nahmen an diesem Marsch teil. Es war eine Parade und ein Fest, die den Herrschenden und dem konservativen Teil der Bevölkerung, der bei etwa 70 Prozent liegt, wohl doch zu viel Angst für sie und zu viel Freiheit für die anderen bescherte. Für die Stadtgouverneure und für die Polizei war es seit diesem Tag klar, dass das die letzte Istanbulpride war. Und so kam es dann auch. Alle Anträge zur Durchführung einer Pride wurden unter Strafandrohung bei Nichtbeachtung abgelehnt. Die letzten Prides wurden sogar mit der Begründung abgelehnt, dass ein ein solcher Aufzug, den Frieden Ramadans stören würde.

Auch die Pride 2019 wurde mit der Begründung den Frieden des Ramadan zu stören verboten, obwohl der Ramadan zum geplanten Termin schon zu Ende war. Doch diesmal wollte man sich nicht einschüchtern lassen. Man startete in drei Demonstrationszüge in den Gassen und kleinen Straßen von Kabatas. Es fing an mit kleinen Gruppen, die innerhalb kurzer Zeit, zu einer Demonstration von 3500 bis 5000 Menschen anwuchs. Die Straßen des Stadtteils in dem auch die bekannte Einkaufsmeile Istiklal liegt, waren nun gefüllt von einer friedlich bunten Pride.

Doch schon nach kurzer Zeit sind Hundertschaften der Polizei vor Ort. Sie setzten ohne Vorwarnung alle Mittel ein, für die die Istanbuler Polizei steht. Erst Wasserwerfer und Schlagstöcke, dann Gasgranaten und Gummigeschosse. Efe, ein Student, sagt: „Als dann die Polizei uns schwer zugesetzt hatte und wir schon mehrheitlich auf der Flucht waren, kamen plötzlich normale Bürger, die sich in Gruppen zusammengerottet hatten und uns mit Knüppeln durch die Straßen jagten. Jeder der so aussah, als würde er etwas mit den LGBT’s zu tun haben, wurde gejagt und von dem Mob verprügelt.“ Efe lässt sich allerdings nicht einschüchtern und ist an der Uni in einer Gruppe, die sich für die Rechte von LGBT´s einsetzt.

Jagmur war bei dieser Pride nur am Rande dabei. Hat sich aus sicherer Entfernung das Geschehen angeschaut. „Ich kann diese ständige Ausgrenzung nicht mehr ertragen. Diese Verfolgung, nur weil ich etwas anders bin als die anderen.“ sagt sie resigniert. Es scheint als habe sie einen Schlussstrich gezogen und vor der Kleingeistigkeit der Mehrheitsbevölkerung kapituliert. 
„Ich habe die Schnauze voll! Ich sitze schon auf gepackten Koffern und werde im Herbst das Land verlassen.“ Genau wie Jagmur geht es vielen Menschen, die ein ähnliches Schicksal haben. Es bleibt nur die Flucht, um ihren Frieden und oft auch ihr Leben zu retten.

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