Donnerstag, 14.12.2017 16:00 Uhr

Luzerner Theater, Die schwarze Null Zentralschw.Reportagen

Verantwortlicher Autor: Felicitas Kranich Luzern, 08.10.2017, 13:46 Uhr
Presse-Ressort von: leonardwuest.en-a.ch Bericht 3636x gelesen
Die schwarze Null
Die schwarze Null   Bild: Luzerner Theater Ingo Hoehn

Luzern [ENA] Luzerner Theater, Die schwarze Null Zentralschweizer Reportagen von Erwin Koch, Première vom 6. Oktober 2017, besucht von Felicitas Kranich,Produktion und Besetzung: Inszenierung: Ivna Žic Raum und Video: Martina Mahlknecht Kostüme und Objekte: Sophie Reble Reportagen: Erwin Koch

Nach dem mutigen Unterfangen eine Novelle des 19.Jahrhunderts in ein zeitgenössisches Grusical umzugiessen, unternahm das Luzerner Theater ein weiteres Wagnis: Die Inszenierung von Reportagen von Erwin Koch. Der bekannte Luzerner Journalist liefert mit fünf ausgewählten Geschichten sowie einer eigens für den Anlass geschriebenen Anekdote den Stoff für einen «Totentanz aus der Agglomeration», so der Untertitel. Die Analogie von «schwarzer Spinne» zu «schwarzer Null» ergibt sich also aus der Verstrickung des Menschen in Schuld und Schulden als archaisches Muster der Conditio Humana.

Was das Leben übrig lässt

Indem die Theaterbesucher mitten auf der Bühne Platz nehmen, im Bühnenbild der «schwarzen Spinne» sozusagen, werden sie selbst ein Teil des Welttheaters. Man sitzt auf dem Dorfplatz in Schötz, einer kleinen Gemeinde im Luzerner Hinterland, mitten im Leben, es ist Fastnacht. Am Narrenbaum wirbeln bunte Bänder. Das Publikum ist vorbereitet auf die Geschichten, die diese Lebensfäden erzählen.

Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null

Rezitativer Einstieg in Erwin Kochs Geschichten

In Form einer Lesung beginnt die erste Geschichte von Erwin Schröter, dem «Robin Hood» aus Schötz. Er scheint unter einer Fastnachtsmaske selbst anwesend zu sein. Seine Tragik in der Definition des «schuldlos schuldig - Werdens» besteht in seiner Gutherzigkeit. Er wird die schwarze Null verfehlen, aus purer Güte. Die Lesung öffnet sich zum dramatischen Spiel und die musikalische Untermalung gewinnt theatralen Charakter. Erwin Schröter werden wir ganz am Schluss der Aufführung wieder begegnen. Ist das eine kleine Anspielung auf die fehlende Rahmengeschichte des Grusicals?

Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null

Beziehungskiste in vier Akten

Die Liebesgeschichte von Doris und Josef unterteilt die Regisseurin Ivna Zic in vier Sequenzen. Sie suchen sich per Internet, verlieben sich, vor der Hochzeit sind noch dringende Geständnisse fällig, existenzieller Art. Geständnisse, die über Ende oder Weiterbestehen der Beziehung entscheiden. Diese radikale Selbstauslieferung wirkt beschämend, anrührend. Doris, die 150 Kilo Lebendgewicht überzeugend gespielt von der grazilen Wiebke Kayser, besticht durch ihre Liebesfähigkeit, die erst klar Schiff machen muss, bevor sie ihren Josef zu heiraten wagt. Er soll wissen mit wem er es zu tun hat.

Erst wenn er sie noch will, nachdem er weiss, dass sie in der Spinnwinde (Psychiatrie) war, kann sie mit ihm an den Altar treten. Sie sagt ihm von Anfang an, dass sie mit Männern schlechte Erfahrungen gemacht hat. Maximilian Reichert verkörpert den abgründigen, grundtreuen Josef glaubhaft. Seine Schwäche für Lokunfälle, die er begeistert fotografisch dokumentiert, nimmt man ihm ebenso ab wie seine Kraft sich gegen die ehrabschneidende Entlassung auf raffinierte Art zu rächen. Er befreit sich von der erniedrigenden Last, er findet zur Tat.

Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null

Erwin Koch hält auch traurige Geschichten literarisch fest

Die Geschichte vom Selbstmord des Elfjährigen, der eines heiter-hellen Tages von der «hohen Brücke springt ohne Schrei» dürfte die bizarrste Geschichte des Abends und damit ihr dramatischer Höhepunkt sein. Hier wird der Leser von Erwin Kochs Reportagen diesen speziellen Duktus wiedererkennen, der seinen Stil kennzeichnet. Rekonstruierende staubtrockene Beschreibung, so distanziert, dass es bereits schmerzt, detailliert bis in den Nanobereich. Das Rätsel darüber, was Leben auch sein kann, im Extremfall offenbar der Wunsch zu sterben, wird in dieser Geschichte am deutlichsten. Wir blicken in einen Abgrund, dessen klaffender Spalt der Verstand nicht zu überbrücken vermag.

Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null

Komisch – tragische Dreieicksgeschichte

Albert T., Laura N. und Oskar D. führen eine Menage a trois. Dass da einer zu viel ist, leuchtet allen ein, bis auf den glücklichen, betrogenen Ehemann, der am Leben hängt, gutgläubig und unverwundbar, mehreren Mordversuchen zum Trotz. Einer dieser Mordversuche, der Knollenblätterpilz, spielt eine tragende Rolle. Wir sind wieder im Fastnachtstreiben angelangt, das so grotesk ist wie das Leben selbst.

Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null
Szenenfoto schwarze Null

Kein Wintermärchen auf dem Pilatus

Der letzte Erzählfaden, mit dem die vorigen Geschichten verschnitten sind, widmet sich der letzten Winterwartin auf dem Pilatus. Sie schuldet ihr bitteres «Winterwinterwinterleben» einem unbedachten trotzigen Ausspruch, den sie einst zur Beschwichtigung ihres Vaters geäussert hatte. Mit dem Versprechen, den ersten Mann zu heiraten, der auf den Berg komme, besiegelt sie ihr eigenes grausames Schicksal. Sepp hat nicht gesprochen.

Nach vielen «kalten Abenden», vielen Daten, Jahreszahlen, Uhrzeiten macht sich langsam eine gewisse Müdigkeit im Publikum breit, da fällt dem Erzähler noch jene Anekdote ein, die er auf Schweizerdeutsch zum Besten gibt. Felix G., Jurist und Millionär spart sich selbst zu Tode aus krankhaftem Sparzwang. Die Bezüge bedürfen keiner Erläuterung für den lokalen Theaterbesucher. Wir kehren zurück zu Erwin Schröters Lebensresten, den guten Menschen aus Schötz. Er schafft es nicht sich zu erschiessen.

Unwägbare Wirrungen in unserem Sein

Das Rätsel der Mechanismen des Lebens bleibt, wir können unzählige Geschichten ausbreiten, sie studieren und analysieren. Wieso sich der eine von seiner Last befreien kann, notfalls durch eine Schuld, während die Bilanz des anderen am Ende seines Lebens unausgeglichen bleibt, werden wir nicht ergründen. Es bleiben Reste, unüberbrückbare Abgründe, Unerklärbares. Ist das ein Plädoyer für das Weitererzählen, für das sich weiter Wundern?

Fazit der Rezensentin

Die Frage der Eignung von Reportagen zur Dramatisierung steht noch aus. Der mutige Inszenierungsversuch lässt Zeit zur Entstehung von dem, was beim Lesen an Intimität zwischen Protagonist und Leser entsteht. Auf der Bühne wird dieses meditative Moment bald zur Beklemmung. Beim Schlussapplaus wirkte selbst der anwesende Autor etwas beklommen neben dem vom Fastnachtstanz im Strohkostüm erschöpften «Josef». Wiebke Kayser hielt die federleichte Spannung bis zuletzt.www.luzernertheater.ch www.leonardwuest.ch Für Nachrichten und Kultur aus der Innerschweiz besuchen Sie die www.innerschweizonline.ch Für Nachrichten und Kultur aus dem Ruhrgebiet besuchen Sie die www.bochumer-zeitung.com

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