Mittwoch, 16.10.2019 23:53 Uhr

Kirche Rellingen, Festkonzert 40 Jahre Salzburger Solisten

Verantwortlicher Autor: Leonard Wuest Rellingen, 01.10.2019, 08:47 Uhr
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vlnr. Misa Hasegawa, Piano, Aylen Pritchin, Violine und Luz Leskowitz. . Festivalintendant, Notenumwender
vlnr. Misa Hasegawa, Piano, Aylen Pritchin, Violine und Luz Leskowitz. . Festivalintendant, Notenumwender  Bild: Wolfgang Gaedigk Rellingen

Rellingen [ENA] Kirche Rellingen, Festkonzert 40 Jahre Salzburger Solistenvon Léonard WüstAusführende und Programm:David Geringas Violoncello Misa Hasegawa Klavier,Joris van den HauweOboeSalzburger Solisten Luz Leskowitz Solenne Paidassi Aylen Pritchin Violine Ingemar Brantelid Violoncello Mette Hanskow Kontrabass

W. A. Mozart, Oboen Quartett in F-Dur, KV 370 Mozarts Oboen Quartett in F-Dur KV 370 entstand wahrscheinlich im Winter 1780/81 in München. Mozart hielt sich damals wegen der Proben zu seiner Oper „Idomeneo“ in der bayerischen Residenzstadt auf. Und die Komposition ist eine echte Ausnahmeerscheinung in seinem Werkkatalog, steht dafür aber im Konzert Wunschkatalog eines jeden Oboisten. Eine weitere Gelegenheit für Joris van de Hauwe, den Brüsseler Solisten, um sein grosses Können zu demonstrieren.

Den virtuos-verspielten Ecksätzen steht ein kurzer Mittelsatz in Moll gegenüber, der auch die elegischen Klangfarben des Instruments zur Geltung bringt. Eingebettet in den Klangteppich des Ensembles, schwang sich die Oboe auf in luftige Höhen, jubilierte manchmal fast wie eine Querflöte. Nicht immer leicht für den Solisten, die Balance zu finden zwischen Dominanz und Unterordnung, heisst Einfügung ins Ensemble. Eine Herausforderung, souverän gemeistert vom Oboisten, mit kongenialer Unterstützung seiner Mitmusiker und mit einem wahren Applausorkan durch das Publikum belohnt.

Misa Hasegawa am Piano
Mette Hanskov Kontrabass
Hochkonzentrierter Ingemar Brantelid am Violoncello

F.Schubert Klavierquintett Opus post. 114

Schuberts einziges Klavierquintett verlangt die, aus heutiger Sicht, eher unübliche Besetzung Piano, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass. Das Thema wird eher umspielt und dekoriert und im Ausdrucksgehalt abgewandelt. Auch wird es in jeder Variation von einem anderen Instrument getragen. Ab der 5. Variation wird die Tonart modulatorisch gewechselt, um in der letzten Variation zur Ausgangstonart zurückzukehren. Misa Hasegawas klares und straffes Klavierspiel zieht ihre vier Mitstreiter an den Streichinstrumenten in den Sog des Kopfsatzes und lässt das muntere Auf- und Ab der Akkordketten durch die rasch wechselnden Harmonien rollen.

Wie magnetisiert schmiegen sich die Streicher an, holen in weiten Melodiebögen aus, schalten blitzschnell vom Solo in pulsierende Begleitarbeit um, sofort wieder freudig bereit für einen neuen Gesang im Stimmgefüge. Klanglich hochkultiviert, lieblich, aber nicht süßlich strömen das Andante und der namensgebende liedgeprägte Variationssatz dahin. Frisch und packend das tänzerische Finale, in dem die Akteure die vielen Anklänge an die vorangegangen Sätze zum zyklisch Ganzen abrunden. Diese festive Schubertiade aus dem Mekka der Kammermusik wusste das Auditorium zu begeistern, was es auch mit entsprechend begeistertem Applaus kundtat.

Aylen Pritchin, Violine
Rellingen vlnr. Misa Hasegawa, Piano, Aylen Pritchin, Violine und Luz Leskowitz. Notenumwender
Vladimir Mendelssohn  Komposition und Viola

Johannes Brahms Streichsextett in G-Dur op.36

Geheimnisvoll steigt das Hauptthema auf über den Achtelbewegungen G-Fis von Viola I. 32 Takte lang entfaltet sich dieses so innige Thema über jenen Achtelbewegungen. Clara Schumann schreibt an Brahms, nachdem sie als Erste das Manuskript erhalten hatte: „Das Thema (sie meint diese Achtelbewegungen) könnte dir wohl gestohlen werden, aber was finge einer wohl damit an, der nicht versteht wie Du, es so aufs reizendste und geistvollste mit Motiven zu umkleiden, die immer darum herum spielen und sich ineinander schlingen wie eine Kette lieblicher Gedanken.

Mir ist die Stimmung dieses Satzes außerordentlich lieb, so weich und sanft. “Eine breite energischere Überleitung führt zum verhalten jubelnden Seitenthema, zuerst vom Ersten Cello, dann von der Ersten Geige vorgestellt: Sensibel aufeinander hörend und miteinander agierend, beweisen die Musiker ihr tiefes Verständnis für diese Meisterwerke der romantischen Kammermusik. Ihr Spiel zeichnet sich durch Natürlichkeit und Expressivität aus.

Tempi, Dynamik und Spannungsbögen passen wie massgeschneidert. Das räumliche und transparente Klangbild der Produktion entspricht dem besonders hohen interpretatorischen Niveau. Das souveräne Spiel des Ensembles überzeugt durch seine Transparenz sowie durch die Klarheit, mit der die musikalischen Strukturen dargelegt werden. Die Umsetzung des Werkes überzeuge das Auditorium, der entsprechende Beifall war dem Ensemble sicher.

Ingemar Brantelid hochkonzentriert
Joris van den Hauwe, Oboe und Luz Leskowitz, Violine Foto Wolfgang Gaedigk
Misa Hasegawa, Piano

Komposition von Vladimir Mendelssohn Urban Lark 2

Natürlich fliessen beim gebürtigen Rumänen auch zigane,gitaneske Komponenten in das Werk ein, wie man sie in der osteuropäischen Volksmusik häufig findet und die vor allem von Django Reinhardt in das erweiterte Bewusstsein der Westeuropäer, wenn auch jazzartig, eingeimpft wurden. Die Töne sind neu, da vorgetragen von einem klassischen Ensemble, wenn uns auch nicht ganz fremd, wenn man Gipsy Jazz und Klezmer etwas kennt. Die Komposition beruht auf einem Thema, das schon, der aus Liveni Vîrnav im heutigen Kreis Botoșani stammende, George Enescu (1881 – 1955) vor über 100 Jahren verwendete. Die „Städtische Lerche 2“, so die Übersetzung, zeichnet urbane, hektische Geräusche nach, das Treiben, wie es heute in den Städten herrscht.

Hecktisches Stadtleben musikalisch nachgezeichnet

Also eine recht lebhafte, aufregende Partitur, in der alle Instrumente in etwa gleichberechtigt orchestriert sind. Original heisst die Komposition: „Urban Lark 2“. für Klavierquartett und Notenumwender. Notenumwender? Die Künstler betreten die Bühne, begrüßen das Publikum mit synchronem Kopfnicken und nehmen Platz. Diese wohlbekannte Routine überrascht niemanden mehr. Der diskreten, schwarzgekleideten Silhouette, die am hinteren Bühnenrand entlang zum Klavier schlüpft, schenken nur wenige Zuhörer Beachtung. Aber was wissen wir über diese stille Figur, die gerade auf der Bühne Position bezogen hat und doch gänzlich anonym ist?

Mendelssohns Hommage an einen oft verkannten Mitmusiker

Mendelssohn ehrt hier den unbekannten Musiker, holt ihn heraus aus seiner Unsichtbarkeit, den Notenblätterer. Eine unterschätzte, dennoch sehr wichtige Aufgabe bei vielen Musikstücken, besonders, wenn ein Musiker nicht lange Zeit hatte, um die Partitur todsicher auswendig zu lernen. Diese verantwortungsvolle Aufgabe übernahm für einmal der Meister, Festivalleiter Luz Leskowitz, persönlich. Er tat dies auf eine Art, die den sonst Unsichtbaren sichtbar, oder zumindest hörbar machte, indem er vor dem Hinsetzen einen tiefen Ton auf dem Klavier anschlug.

Damit hatte das Publikum nicht gerechnet und es schien, als seien auch die Mitmusiker nicht eingeweiht gewesen. Nach dem Grundton durch Kontrabass von Mette Hanskow und Cello von Ingemar Brantelid der eigentliche Auftakt mit der Viola, dem Instrument des Komponisten, unmittelbar ergänzt durch die Violine von Aylen Pritchin, worauf sich der Kontrabass und das Cello wieder dazu gesellen, supportiert von Pianistin Misa Hasegawa samt ihrem Notenumwender. Die musikalische Reise durch das Citygewirr gestaltete sich furios fulminant.

Schräge Harmonien wechseln ab mit lieblichen Volksmusikmotiven, atonal mutiert zu tonalen Polka Rhythmen, bevor sich die Violine auf einen kurzen Höhenflug begibt, der übergeht in Csárdás Andeutungen die schlussendlich in einem furiosem Finale enden. Das Auditorium klatscht begeistert, es sind gar einzelne Bravorufe zu hören. Auch die Rellinger kommen nicht jedes Jahr zu einer Uraufführung und sind dementsprechend erfreut und fühlen sich geehrt. Ein würdiger Abschluss für ein gutbesuchtes und in allen Belangen, gelungenes Maifestival 2019 www.leonardwuest.ch Für aktuelle regionale Nachrichten und Kultur aus der Innerschweiz besuchen Sie www.innerschweizonline.ch www.bochumer-zeitung.com www.leonardwuest.ch

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